Startseite
    Joanna ist ...
    Woolly_thoughts
    Briefe 21-30
    Briefe 11-20
    Briefe 01-10
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren

   28.11.15 18:26
    ...so geht es mir auch ö
   29.11.15 21:00
    Viele Dank für deine lie
   6.12.15 21:32
    Hallo! Über den Begriff
   11.08.17 02:34
    Treściwie i na tema

http://myblog.de/joannas-dead-letters

Gratis bloggen bei
myblog.de





Brief_08 Die Pathologie der Hoffnung

22.11.2015, 03:33

 

Lieber Michael,

 

2 Wochen und ein paar Stunden ist es nun bereits her, dass ich dich zuletzt gesehen habe. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Ich bin gerade im Nachtdienst (mit Hanna) und es ist ein wenig Ruhe eingekehrt. Am Abend hat mich eine Patientin wegen ihrer Befunde angesprochen. Nachdem, was in ihren Unterlagen steht, scheinen ihre Symptome wohl am ehesten zu Panikattacken zu passen. Als Krankenschwester bin ich natürlich nicht in der Position, Diagnosen stellen, was ich ihr auch gesagt habe. Doch sie sprang gleich darauf an und erzählte mir von ihrer furchtbaren Arbeitsstelle, dem Stress zu Hause, ( Kinder, Hausarbeit, ... ) niemals würde sie zur Ruhe kommen. Ich blieb ein bisschen an ihrem Bett stehen und habe versucht, sie zu ermutigen. "Sie wurden gekündigt, weil sie 3 Tage im Krankenstand waren? Zeit für einen Neuanfang! Vielleicht war diese Panikattacke das Beste, das Ihnen hätte passieren können …" Man ist immer so super gescheit, wenn es nicht um einen selbst geht. So weise. So optimistisch. Aber was auch immer sie jetzt tun wird; für den Moment hat sie sich sichtlich besser gefühlt. Die beiden anderen Patientinnen im Zimmer haben auch das Ihre dazugetan: "Ja, genau!", "Hör auf die Schwester!" Ja, manchmal haben wir auch nette Patienten, die einen nicht gleich um 7 Uhr morgens anschreien, weil die Handtücher nicht flauschig genug sind …

Gestern, bevor ich dir geschrieben habe und dabei in Erinnerungen schwelgte, war ich in Wien mein Handy holen. Zwischen dem Austausch des Leihhandys und meinem eigenen vergingen in etwa 15 Minuten. Und ich dachte nur: Hoffentlich schreibt er mir nicht genau jetzt. Ich bin so dumm! Hab ich schon mal erwähnt, dass Hoffnung, wenn es keine Hoffnung gibt, wider der Natur ist? Der Körper tut alles, um Böses abzuwehren: Er bildet Antikörper, signalisiert Schmerz, wir haben ein Gedächtnis, das uns davor bewahrt, 2x auf eine heiße Herdplatte zu fassen … Aber mir Hoffnung zu signalisieren, wenn es gar keine gibt, ist doch schädlich. Es hindert mich und meine Seele am Heilungsprozess. Ich KANN mich gar nicht selbst heilen, solange ich immer noch hoffe. Wozu soll das gut sein? Mein Verstand WEISS doch, dass es nicht mehr wird. Warum also redet mein Herz so sehr dagegen? Um mich noch kaputter zu machen? Oder weiß mein Verstand überhaupt nichts? Ist etwa noch Hoffnung da? Wirst du irgendwann verstehen, was ich dir immer und immer wieder gesagt habe? Dass ich keinen "Besseren" will? Dass DU es bist, dem ich mein Herz geschenkt hab? Dass keine deiner (nur in deinen Augen vorhandenen) Unzulänglichkeiten irgendetwas an meinen Gefühlen zu dir ändert? Ich WILL keinen Vorgarten! Ich WILL keinen Mann mit Aktentasche, Krawatte und einem Business Plan! Ich will dich! Deine Einzigartigkeit, dein großes Herz, deinen großen Penis , deine Pedanterie, die Art, wie du mir abends vor dem Fernseher durch die Haare fährst, deinen schwarzen Humor, deine Tiefe, …

Ich liebe es, wie du meinen verrückten Kit in einem Korb sitzend durch die Gegend getragen hast, weil du weißt, wie gerne er fliegen würde. Ich liebe es, dir zuzusehen, wie unhandlich du dir deine Zähne putzt. Und ich liebe es, dich dabei zu beobachten, wenn du dir mit gerunzelter Stirn und ängstlichen Augen einen mikroskopisch kleinen Holzspan aus deinem Finger ziehst.

Kaum einer glaubt noch daran, dass du es irgendwann begreifen und dich bei mir melden wirst. Die wenigsten sprechen es aus, aber ich weiß es. Von guten Zusprüchen, wie es sie bei unseren vorangegangen Krisen gab, höre ich nichts mehr …

 image

    ?

22.11.15 15:10
 
Letzte Einträge: Brief_25 Albträume …, Brief_26 Still at the waiting area …, Brief_27 Bombastische Shoppinglaune, Brief_28 Viel Spaß wünsch ich!, Brief_29 Ein herber Rückschlag


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung