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Brief_06 Horror- Date, das keins war

19.11.2015, 12:52

 

Michael,

 

komme grade zurück von meiner 2. Therapiesitzung bei Kathi. Es war ein gutes Gespräch. Und ich war auch dieses Mal verwundert, wie lange eine Stunde dauern kann. Ohne Schweigepausen. Irgendwie scheint die Zeit in einem Psychotherapie- Zimmer langsamer zu gehen.

Der gestrige Tag war seltsam. Ich bin nach dem Nachtdienst noch mit Hanna einkaufen gegangen. Mein erster richtiger Lebensmitteleinkauf seit dem, den wir zusammen gemacht haben vor ein paar Wochen. Außer einem Stückchen Butter, das schon komplett gelb umrandet war, hatte ich gar nichts mehr zu Hause. Also abgesehen von Kaffeekapseln und Milch natürlich- der Hauptbestandteil meiner "Ernährung". Da fällt mir ein: Seit ich nach deinem Auszug diesen Nachtdienst mit Marina hatte in dem ich fast unentwegt geheult hab, (selbst während der Dienstübergabe, was wirklich ziemlich peinlich war!) schreibt sie mir immer wieder, wie es mir geht. Vor allem die paar Tage danach hat sie nicht locker gelassen. Und einmal hat sie geschrieben: "Mhm, ich kenn dich ja: Kaffee und Tschick und sonst gar nix!" Und sie hatte recht.

Nachdem ich mit Hanna einkaufen war, bin ich nach Hause und hab mich gleich hingelegt. Der Schlaf nach den Nachtdiensten ist immer der Beste! Und als ich dann am Nachmittag aufgestanden bin, war ich so dermaßen emotionslos, dass es mir direkt Angst gemacht hat. Ich habe angefangen, alles zwischen uns anzuzweifeln; meine Gefühle zu dir, meine Überzeugung, wir wären füreinander geschaffen, einfach alles. Ich habe mich wirklich gefragt, ob ich das mit uns überhaupt noch will. Das hat mich fertig gemacht. Denn ich weiß: Wenn auch ich anfange, uns in Frage zu stellen, dann haben wir verloren. Dass DU es tust, wissen wir ja. Und ich war unser Stützpfeiler. Gestern hab ich plötzlich angefangen, mich zu fragen, ob ich dich nicht doch einfach "therapieren" wollte. Ob ich "die Eine" sein wollte, die es schafft, dich "wieder her zu stellen". Diese Gedanken finde ich einfach schrecklich. Wenn es so wäre, würde das nämlich bedeuten, dass ich mir 1,5 Jahre etwas so dermaßen überzeugend eingeredet habe, dass alles bloß eine fette Lüge war. Ein Hirngespinst, eine Fantasie und keine Liebe. Und es würde auch bedeuten, dass ich es vielleicht, hätten wir das Schlimmste überstanden und eine richtige Beziehung unter einem Dach geführt und ich hätte irgendwann gespürt, dass du dich zu 100% für ein Leben mit mir entschieden hast, vielleicht gar nicht mehr gewollt hätte. Weil das mein Ziel war. Da habe ich mich als Mensch sowie meine eigene Beziehungsfähigkeit heftig in Frage gestellt. Immerhin bist du der Erste, mit dem ich eine ernsthafte Beziehung geführt habe. Der Erste, mit dem ich eine ernsthafte Beziehung WOLLTE. Unbedingt. Und zwar von Anfang an. Doch wenn das alles bloß Handlungen waren, entstanden durch meinen verinnerlichten Trieb, alles und jeden verbessern zu wollen, das Beste herauszuholen, Schlechtes ins Gutes zu verwandeln, wo steh ich denn dann auf der Beziehungsfähigkeits- Skala? Wieder bei 0? So wie vor deiner Zeit?

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Doch dann, gestern Abend, hab ich mir einen seichten Liebesfilm mit Drew Barrymore angeschaut. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte und Kathi hatte ja gesagt, ich solle etwas für mich tun. Also dachte ich, ich mache es mir gemütlich. Und dann hat Drew diesen Kuss beschrieben, den sie sich so sehr wünscht. Von dieser einen Person, von der man weiß, dass sie die Richtige für einen ist und dass man den Rest seines Lebens mit ihr verbringen will. Der Kuss, bei dem alles rundherum leise wird man einfach nur diesen Moment genießt, in dem man sich so sicher fühlt und zu Hause.

Und ich hab mich mit dir zu Hause gefühlt. Egal, wo wir waren. Ich werde nie vergessen, wie ich das erste Mal mit zu dir gekommen bin. Nach unserem Horror- Date, bei dem du mich nicht mehr ansehen konntest und weglaufen wolltest. Wir haben danach noch sehr oft darüber gelacht. Zuerst war alles lustig, wir haben in ein paar Geschäfte geschaut und sind rumspaziert. Und als wir dann plötzlich im Cafe auf der Mariahilferstraße saßen, warst du wie versteinert. Ich erinnere mich daran, wie ich dir gegenüber saß und meine Hand über den Tisch in deine Richtung ausgestreckt hab und du hast die deinen ruckartig in deinem Schoß vergraben. Als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Ich wusste damals noch so wenig über dich … Wir blieben nicht lange und gingen dann Richtung Museumsquartier. Ich wollte so gern deine Hand nehmen, aber du konntest es nicht. Und auf einer der riesigen Steinliegen auf dem großen Platz, wo sich alle in der Sonne geaalt haben, hast du mich dann ganz ernst angeschaut und gesagt: "Du bist die schönste Frau, die ich je gesehen habe." Das ging mir durch und durch. Ich wusste, du meinst nicht nur meine langen, glatten Haare oder meine damals schön gebräunten Beine; du hast mich als Ganzes gesehen. Ich war sehr froh, dass du dann doch noch zugestimmt hast, mit mir essen zu gehen. Die Seitengasse war irgendwie gruselig, unangenehmer Wind frischte auf, die Tischdecken waren hässlich kariert und mein Antipasti war bestimmt nicht das Beste, das ich je hatte. Aber wir haben so viel Blödsinn geredet und gelacht, dass das alles einfach egal war. Bereits an diesem Tag hast du nicht verstanden, warum ich mit dir zusammen sein will. "Wie kannst du nach alldem noch lachen?", hast du immer wieder fasziniert gefragt. Und als wir spätabends in der U- Bahn standen, hast du dich endlich dazu überwunden, mich zu fragen, ob ich mit zu dir kommen möchte. Ich wusste, dass das für uns beide "etwas Großes" war. Nicht wegen dem Sex, den hatten wir ja schon davor. Bei mir. Doch endlich durfte ich meine Nase in dein persönliches Reich stecken. Und das dürfen immerhin nicht viele. Du hast es davor als "Depri- Wohnung" bezeichnet, doch das einzige, das ich gesehen habe, war die Wohnung eines Besitzers, der nicht viel Wert auf Interieur legt. So wie die meisten Junggesellen. Und ich habe mich sofort wohl gefühlt. Als ich dir das im Nachhinein geschrieben hab, meintest du: "Es war keine Depri- Wohnung, weil DU drin warst." Für mich galt jedenfalls: "Wo du bist, da bin ich zu Hause." Auch wenn´s kitschig klingt. Ich hätte sogar deinen Badezimmerteppich akzeptiert, aber den hast du dann ja (Gott sei Dank) von selbst ausgetauscht

Ich habe heute mit der Kathi über meine Emotionslosigkeit geredet und dass die mir Angst gemacht hat. So wie ich es dir vorhin beschrieben hab. Und sie meinte, dass das eine völlig normale Reaktion sei. Das mache der Körper als eine Art Schutzmechanismus, weil man ja sonst permanent traurig wäre. Solche Phasen sollen dem Körper wieder Energie geben. Und das würde auch in Zukunft in Wellen kommen: Traurigkeit, Zorn, Gleichgültigkeit, Traurigkeit, Zorn, … bis man irgendwann bei einer "Basis- Emotion" bleibt. Sobald sich Kopf und Herz für eine Richtung entschieden haben. Außerdem haben wir wieder meine Ungeduld besprochen. Dass ich in Bezug auf dich so gerne einen Weg einschlagen würde, aber nicht weiß, welchen. Und sie meinte, ich solle mir doch einfach ein bisschen Zeit geben. Diesen Fehler mit der Ungeduld hab ich ja auch bei unserem letzten Treffen gemacht. Ich hab mich selbst zu einer Entscheidung gezwungen, einfach um irgendetwas zu tun. Aber in Wahrheit hab ich überhaupt nichts entschieden. Ich habe mich in eine Richtung gezwängt, (und dich ebenso) einfach deswegen, weil mich der Gedanke umgebracht hat, noch weitere Tage oder Wochen mit Grüblereien und der Hoffnung auf eine Erleuchtung zu verbringen, bis wir uns das nächste Mal sehen, um darüber zu reden. Und jetzt? Sitze ich da und mache genau das Selbe. Nur dass wir jetzt keinen Kontakt mehr haben und du wahrscheinlich Tag für Tag immer weiter zurück in dein altes Schema verfällst. Jeder Tag, der vergeht, bestärkt dich in deinem Glauben, wir hätten das Richtige getan. Und dass du nicht zu mehr "fähig" warst. Und dass ich mich jetzt endlich von dir "befreien" kann, um den Mann zu finden, der besser für mich ist, als du. Es ist zum Schreien …

Gerade, als ich heute in den Zug zurück nach Stockerau gestiegen bin, hab ich eine Nachricht von A1 gekriegt, dass mein Handy im Shop abzuholen ist. Ich schwöre, ich hab gestern noch überlegt, ob ich den Abholschein mit nach Wien nehmen soll. Nur hab ich dann gedacht, dass es sicher noch viel zu früh ist. Hab damit gerechnet, dass das ein paar Wochen dauert. Vielleicht fahr ich morgen also nochmal nach Wien. Ich würde dir ja schreiben, ob wir uns dann morgen gleich treffen, aber ich hab dich ja schon vor einer Woche gefragt, du warst verhindert und hast dich seither nicht mehr gemeldet. Obwohl du gestern deinen freien Tag hattest.

Es ist arg, dass meine Therapeutin nur 5 U- Bahn- Stationen von deiner Arbeit entfernt ist. Während ich also dort sitze und (vorwiegend) über dich rede, sitzt du nur wenige Kilometer daneben und telefonierst mit Arbeitslosen. Kathis freie Termine sind hauptsächlich vormittags, also werden wir uns niemals zufällig in der U- Bahn begegnen. Ist wohl auch besser so.

Sie hat mir heute übrigens geraten, meine Schreiberei unter die Leute zu bringen. Sie weiß von dem Buch, das ich nie zu Ende geschrieben hab, was ich sonst alles für andere schreibe, von den selbst erstellten Nachhilfe- Unterlagen und seit heute weiß sie auch, dass ich dir fast jeden Tag schreibe. Also meinte sie: "Wieso schreiben Sie eigentlich keinen Blog?" Ja, wieso eigentlich nicht? Wieso bin ich nie von selbst auf die Idee gekommen? Also dachte ich, ich könnte die Briefe bloggen, die ich dir schreibe. Und wenn es nur ein Einziger liest, dann ist es besser als keiner. DIR kann ich´s ja leider nicht schicken. Ich wüsste zwar nicht, wen mein ganzes, dzt. ein wenig melancholisch angehauchtes Blabla interessieren sollte, aber ich kann´s ja mal versuchen. Und wenn´s niemanden interessiert, hab ich trotzdem meine "Hausaufgaben" gemacht. Allerdings müsste ich das dann zu 100% anonym machen. Meine Fickträume gehen nun wirklich niemanden etwas an. Und ich würde ungern von irgendjemanden darauf angesprochen werden.

Elise sollte in 20 Minuten hier sein zur Nachhilfe. Bin gespannt, wie ihr Deutsch- Referat lief. Mit Hanna hab ich meiner Meinung nach übrigens einen Durchbruch erzielt in Englisch. Letztens haben wir fast 3 Stunden gemacht und mir scheint, als hätte sie das mit der Fragestellung und der Verneinung endlich geschnallt. Wir haben schon immer so gelacht. "Na und! Ich hasse das 'do'. Das ist doch gestört- 'Tust du mögen zu backen einen Kuchen?', das ist doch nicht deutsch!" Und ich: "Nein Hanna, wir machen Englisch." Aber ich glaub, jetzt hat sie´s!

So, ich geh noch eine rauchen. Wir hören uns. Oder nein. Wahrscheinlich nicht …

19.11.15 22:20
 
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